Interview mit Danny Bowes/Thunder

Interview mit Danny Bowes/Thunder
von Alois C. Braun

Es war eine satte Dreiviertelstunde allerbester Rockmusik, die Thunder als Support von Alice Cooper den Fans bot. Ein überzeugender Beleg für die Klasse dieser Band, die, mit Unterbrechungen, seit 1990 die Hardrock-Szene bereichert. Vor dem Gig in Neumarkt/Opf. sprach Alois C. Braun mit Sänger Danny Bowes über die Karriere der Band, die neue Single und Hilfsaktionen. 

Am Anfang eurer Karriere spielte Andy Taylor von Duran Duran eine wichtige Rolle. Was genau hat er für euch getan? 

Der Kontakt geht auf die Thunder-Vorgängerband Terraplane zurück. In den 80ger unterschrieben wir einen Plattenvertrag mit Epic Records, heute Sony. Wir haben zwei Alben produziert und damals jeden Fehler gemacht, den eine junge Band nur machen kann. Wir dachten, die Plattenfirma weiß schon, was sie tut – das war unser erster Fehler (lacht). Dann änderten wir uns aus einem nicht nachvollziehbaren Grund von einer reinen Rock- in eine Art Poprock-Band. Es gab kaum Gitarrensoli, wir schnitten die Haare, hatten viele Keyboards im Sound. Das war sehr bizarr. Trotzdem verloren wir nach zwei Alben den Vertrag. Und in dieser Zeit, als wir wirklich sehr wütend waren, trafen wir Andy. Er ist bekannt für seine Arbeit mit Duran Duran, aber tatsächlich ist er ein knallharter Rockmusiker, der auf Eddie Van Halen steht. Er fragte us, warum wir all diese furchtbaren Popalben machen, meinte, es wäre doch besser wieder Rock zu spielen. Dann hat er die ersten beiden Thunder-Album produziert. Wichtig war aber, dass er unsere Einstellung geändert hat. Er gab uns den Mut wieder an uns zu glauben. Allerdings hatte er auch einen schlechten Einfluss auf uns. In den drei Jahren mit ihm haben wir sehr viel getrunken (lacht).

 

Thunder hat sich schon zwei Mal aufgelöst und lebt jetzt sozusagen im dritten Frühling. Kannst du kurz die Gründe erzählen, warum die Band 1999 und 2009 auseinanderbrach? 

Erstens, weil wir auch nur Menschen sind und auch unsere Schwächen haben. Und manchmal passiert es halt, dass du Musik nicht mehr so genießen kannst, wie du es willst. In den 90ern war plötzlich Grunge das große Ding und keiner interessierte sich für eine Band, wie uns, mit diesem 70er inspirierten Classicrock. Trotz einer sehr loyalen Fanbase und stetigem Touren hatten wir im Jahr 2000 einfach die Schnauze voll und dachten, dass unsere Zeit halt einfach vorüber sei. Wir lösten uns auf. Zwei Jahre später bekamen wir dann das Angebot für eine sehr gute Tour. Lustigerweise auch mit Alice Cooper! Jeder von uns hatte die Band vermisst und die äußeren Umstände hatten sich auch geändert. In dieser Zeit bekam das Internet immer größere Bedeutung und wir konnten plötzlich mit unseren Fans direkt kommunizieren. Außerdem fanden wir heraus, dass wir eigentlich keine Plattenfirma brauchen, sondern alles selbst machen können. Und das funktionierte hervorragend. Allerdings hast du mit einer eigenen Firma plötzlich jede Menge zusätzlicher Jobs am Hals und musst dich darum kümmern: Wie viele CDs haben wir auf Lager? Hat der Handel das neue Album? Mit welchen Vertriebspartnern machen wir Verträge bzw. erneuern sie? Und das alles wurde immer größer. Nach sieben Jahren, ich machte inzwischen auch das Management für die Band, war ich einem Nervenzusammenbruch nahe. Deshalb musst ich die Reißleine ziehen. Das war der Grund, warum wir uns das zweite Mal auflösten. Zwei Jahre später spielten wir dann eine einzelne Show. Die Halle war voll mit Thunder-Fans, alle mit T-Shirts, alle sangen die Songs mit. Wir waren erstaunt: Was war passiert? Unsere Berühmtheit war gestiegen in der Zeit, wo wir weg waren. (lacht) Deshalb sagten wir uns, wenn wir jetzt kein neues Album aufnehmen, dann machen wir es nie mehr. Glücklicherweise unterschrieben wir bei earMUSIC. Denn seitdem geht es nur noch nach oben! Eine richtige Erklärung dafür haben wir nicht, aber natürlich sind wir auch nicht böse darüber (schmunzelt).

 

Du hast über das aktuelle Album „Rip it up“ gesagt, dass ihr „vor 5 oder 10 Jahren nicht gut genug“ gewesen wärt, um so ein Album zu machen. Heißt das, ihr entwickelt euch instrumental, im Songwriting und auch in der Performance immer noch weiter? 

Ja, genau so muss es aber auch sein. Du musst dich und deine handwerklichen Fähigkeiten ständig weiterentwickeln. Du musst nach Herausforderungen suchen, dich austesten und das Resultat ist dann hoffentlich ein Vorankommen. Gerade „Rip It Up“ war für mich als Sänger eine Herausforderung. Als ich die Demos von manchen Songs hörte, wusste ich nicht, wie ich das gesanglich hinbekommen sollte. Es dauerte etwas länger und ich musste manch schwere Nuss knacken, aber als ich diese speziellen Songs dann geschafft hatte, war ich wirklich stolz darauf. Das sind die besten Vocals, die ich bisher eingesungen habe.

 

Die aktuelle Single (VÖ: 1.12.2017) heißt „Christmas Day“, klingt aber angenehm wenig nach Weihnachtskitsch mit Glocken, Nikoläusen und anderen üblichen Zutaten.  

Ich denke, als Luke (Morley, Gitarrist der Band) diesen Song schrieb, war der Ansatz nicht, ein Weihnachtslied zu schreiben. Er schrieb ein trauriges Lied darüber, wie es ist, jemanden zu vermissen. Und gerade Weihnachten fühlen viele den Druck, sich eine gute Zeit machen zu müssen. Umso schneller vermisst man jemanden. Deshalb auch der Titel. Aber es ist kein Weihnachtslied. Der Song wurde bereits vor drei Jahren für das „Wonder Days“-Album aufgenommen. Aber du kannst ein Lied mit diesem Titel nicht im Februar veröffentlichen (lacht). Deshalb warteten wir auf die richtige Gelegenheit und die ist nun gekommen! Klar, bei dem Titel erwarten viele Leute klingende Glocken, Menschen mit furchtbaren Pullovern und offenem Kaminfeuer im Video (lacht).

 

Wenn wir schon beim Thema sind. Wie wirst du Weihnachten verbringen?  

(lacht laut) Normalerweise bin ich morgens um 10 Uhr betrunken! Aber nicht falsch verstehen. Ich mag Weihnachten, das ist die Zeit für die Familie. Aber meine Kinder sind inzwischen alle groß. Das heißt, wir stehen auf, nehmen ein paar Buck’s Fizz und lassen es uns gut gehen. Meine Frau hat eine ältere Verwandtschaft, die normalerweise gegen Mittag zu uns kommt. Zu diesen Zeitpunkt muss ich betrunken sein, denn sie sprechen meist über Dinge wie Krankenhäuser und das halte ich sonst nicht aus. Aber so funktioniert das hervorragend.

 

Ihr habt auch Songs wie „Love Walked In“ oder „Low Life In High Places“ akustisch für die Single bearbeitet. Wird es auf der kommenden Tour einen eigenen Set mit Akustiksongs geben oder verteilt ihr diese Songs übers ganze Konzert? 

Hm, momentan haben wir darüber noch gar nicht nachgedacht. Über Weihnachten spielen wir zwei Shows im UK mit einem separaten Akustikset. Ob wir das aber bei der Januartour so machen, ist noch offen.

 

Das Musikbusiness ist in keinem guten Zustand. Ihr veröffentlicht trotzdem regelmäßig neue Alben. Macht das heutzutage wirklich Sinn? 

Einige Leute würden ganz klar sagen, dass es keinen Sinn macht. Aber ich denke, wenn du keine neue Musik veröffentlichst, dann lebst du in der Vergangenheit. Neue Songs sind interessant für Band und Fans und der kreative Prozess hält eine Band frisch und macht es aufregend. Wenn du dann nur wenige CDs verkaufst, dann ist das sehr schade, aber dagegen kannst du nichts machen. Für mich ist es wichtig, dass eine Band diesen Songwriting-/Aufnahmeprozess durchmacht. Außerdem ist es gut, wenn die Fans neue Songs bekommen und sich darauf freuen, sie in den Konzerten zu hören.

 

2016 erschien die Thunder-Biografie „Giving The Game Away“, die es leider noch nicht auf deutsch gibt. Wie war es, an einem Buch zu arbeiten? 

Wir haben über Monate unzählige Interviews mit dem Autoren gemacht. Dann Fotos ausgesucht, darüber diskutiert. Der Prozess war lang und hart. Es ist wirklich komisch, wenn vier Leute die gleiche Geschichte aus der Karriere erzählen, erinnern sie alle vier komplett anders an die Gegebenheiten und auch an die Jahreszahlen. Wir mussten also herausfinden, was wirklich passiert ist.

 

Startet ihr immer noch Aktionen für Obdachlose? 

In der Anfangszeit der Band, haben wir viel gemacht, die Fans auch aufgefordert Kleidung oder Konservendosen für die Obdachlosen mit in die Konzerte zu bringen. Das lief sehr gut. In den letzten 10 Jahren hat sich das gewandelt und unser Focus liegt auf Hilfe für Kinder über die „NSPCC“ (National Society for the Prevention of Cruelty to Children). Für sie sammeln wir Geld. Das ist nichts, das mich für sich alleine genommen in den Himmel bringen wird. Aber es bringt mich etwas weiter weg von der Hölle (lacht).

 

Thunder ist ja eines der Mysterien der Rockmusik. Die Band hat, ähnlich wie Magnum, alle Zutaten, um erfolgsmäßig in der absoluten Spitzenklasse mitzuspielen. Der letzte Schritt dahin hat aber trotz kontinuierlich toller Alben und Konzerte nicht geklappt. Hast du eine Erklärung dafür? 

Es gibt keine generelle Erklärung dafür. Was ich sagen kann ist, dass du zu jeder Zeit die bestmögliche Entscheidung treffen musst. Manchmal ist es eine gute, manchmal eine schlechte Entscheidung. Aber auf jeden Fall musst du mit den Konsequenzen leben. Es gibt immer Ups und Downs. Für mich ist es gerade sehr aufregend, zu spüren, dass wir zurück sind und dass wir und unser Erfolg wachsen. Ich möchte gar nicht viel darüber nachdenken, sondern einfach genießen. So wie diese Tour. Alice Cooper und die gesamte Mannschaft sind brillant, die Zuschauer waren bei jedem Konzert phantastisch und wir waren auch da willkommen, wo sie uns nicht kannten.