Das große DURAN DURAN Interview: „Von der Vergangenheit in die Zukunft“

Duran Duran – gegründet im Jahr 1978 in Birmingham, über 30 Singles in den weltweiten Charts, 14 veröffentlichte Alben, über 100 Millionen verkaufter Tonträger. Nach ihrer absoluten Hochphase Mitte der achtziger Jahre und einigen Besetzungswechseln, starteten sie 2003 mit allen Mitgliedern der erfolgreichen Jahre und dem Album „Astronaut“. Bis auf den Gitarristen Andy Taylor ist dieses bis zum heutigen Tag auch so geblieben, nun stehen die Fab Four aus Birmingham wieder an der Startlinie, dieses Mal mit dem neuen Album „FUTURA PAST“. Zu diesem Ereignis konnten wir vom Hardline Magazin uns mit dem Drummer der Band, Roger Taylor, über diverse Themen unterhalten …

Hardline: Hallo Roger, ganz lieben Dank, dass du dir Zeit genommen hast! Bevor wir zum neuen Album „FUTURE PAST“ und zur Band kommen, kurz zu deiner Person, du bist 1960 geboren, also Kind Siebziger. Welche Bands hast du in deiner Jugend gehört, und was war der Grund, dass du Drummer wurdest?

Roger Taylor: Die siebziger Jahre waren, wenn man dieses aus musikalischer Sicht betrachtet, ein fantastisches Jahrzehnt. Wir sind in Birmingham, der zweitgrößten Stadt in England, zur Welt gekommen, und all die Bands aus diesem Jahrzehnt sind damals während ihrer Tourneen in unsere Stadt gekommen. Wir sind praktisch jede Woche in einen Klub namens Townhall gegangen, konnten zum Anfang der Woche die Show von Judas Priest sehen, einige Tage später spielten AC/DC ihren an gleicher Stelle. Auch die deutsche Elektro-Band Kraftwerk war damals in unserer Stadt. Die sind mir damals wirklich positiv aufgefallen, weil sie so komplett anders waren als die Rockbands zu der damaligen Zeit. Und da wir im Gegensatz zu der heutigen Zeit nur drei Fernsehprogramme besaßen, keinen Computer hatten, steckten wir unsere Energie halt in die Musik. Ich war einer von diesen Jugendlichen und habe dann mit dem Schlagzeugspielen angefangen. Ende der Sechziger kamen zudem sehr viele erfolgreiche Bands wie zum Beispiel die Beatles oder die Stones aus England, was uns alle inspirierte und anspornte.

HL: Hattest du Vorbilder?

Roger Taylor: John Bonham von Led Zeppelin, Tony Thomson von der Band Chic, ich bin ein großer Fan von Roxy Music, hier den Drummer Paul Thomson und all die Schlagzeuger, die mit und für David Bowie gearbeitet haben.

HL: Ihr habt fast überall in dieser Welt gespielt, gab es DAS eine spezielle Konzert, woran man sich doch immer wieder erinnert? Gab es einen bestimmten Ort, gab es ein bestimmtes Festival? War es vielleicht Live-Aid?

Roger Taylor: Live Aid war es definitiv nicht! Zum einen haben wir dort nur vier Songs gespielt, dieses ohne Soundcheck, entsprechend war der Sound nicht wirklich gut. Dazu war die Stimmung innerhalb der Band damals auch nicht die allerbeste. Ich persönlich spiele sehr gerne im Madison Square Garden in New York, eine wirklich großartige Lokation mit langer Tradition. Wir spielten häufig in den achtziger Jahren dort, dann 2006 bei unserer Reunion Tour, es macht wirklich immer wieder extrem viel Spaß, dort aufzutreten.

Fotocredit by John Swannell

Hardline: Trotz der eher mäßigen Erinnerungen an Thema Live Aid noch eine Frage zu diesem Event: Ich bin damals bis drei Uhr nachts aufgeblieben, um euren Auftritt erleben zu können. Warum seid ihr als Engländer damals eigentlich in Philadelphia und nicht in London aufgetreten?

Roger Taylor: Das lag daran, dass John und Andy Taylor damals mit Power Station in der USA tourten, es war ja damals die Zeit für die Nebenprojekte bei uns. Wir, sprich Jon, Nick und ich, waren in Europa und flogen dann zu den beiden nach Philadelphia.

Hardline: Kommen wir zu eurem Album-Katalog, meine persönlichen Highlights sind “SEVEN AND THE RAGGED TIGER” und natürlich „ARENA“ mit meinem All Time Favorite Song „WILD BOYS“. Welches würdest du aus allen Alben als dein persönliches Highlight nennen, aus künstlerischer Sicht, nicht durch die kommerziellen Brille gesehen?

Roger Taylor: Ich denke, dass es sowohl für mich als auch für uns alle das Rio Album war. Es war nach unserem Debütalbum das zweite, welches wir aufgenommen haben. Ein Album, bei dem wir langsam wussten, wer wir waren und wohin wir wollten. Gerade in den USA hatte dieses Album einen immensen Erfolg, so nachhaltig, dass wir bei unseren Konzerten es auch aktuell niemals wagen würden, den Song Rio aus der Setlist zu streichen.

Hardline: Das Video zu „WILD BOYS“ war damals das teuerste, was gedreht wurde und Kult. Dann fällt mir spontan noch „A VIEW TO A KILL“ oder „RIO“, gedreht auf einer Segeljacht ein. Diese Videos wurden während eurer absoluten Hochphase gedreht, dazu Höchstplatzierungen in den Charts und ausverkaufte Konzerte. Habt ihr diesen irren Hype nach dem Motto „Größer, Höher, Weiter“ überhaupt sofort mitbekommen, oder realisiert man diesen massiven Erfolg erst einige Jahre später?

Roger Taylor: Das bekamen wir schon relativ zeitnah mit, es war dann irgendwann auch der Grund, warum ich ausgestiegen war. Und weil du den Songs erwähnt hattest, gerade „Wild Boys“ hat uns die letzten Türen geöffnet, uns sehr weit nach oben geschossen. Die Band Frankie Goes To Hollywood feierte mit „Relax“ große Erfolge, wir waren zu der Zeit in einer Disco in München und haben uns damals inspirieren lassen, etwas Ähnliches aufzunehmen, natürlich in unserem Style und am Ende ist „WILD BOYS“ dabei herausgekommen.

Hardline: Der erste Knick bei Duran Duran kam aus meiner Sicht, als sich die Gruppe nach dem Arena Album mit Nebenprojekten wie Arcadia und Power Station beschäftigte. Warum passierte dieses eigentlich? Ich frage, denn Ihr wart doch ganz oben angekommen?

Roger Taylor: Ich glaube, dass wir nach dieser doch sehr intensiven Zeit zusammen eine Pause voneinander benötigt haben. Wir haben in fünf Jahren vier Alben veröffentlicht, waren während dieser Zeit eigentlich permanent und sehr intensiv beieinander, bei den Album-Aufnahmen, bei den Welt-Tourneen, halt immer und überall. Ich denke, wir brauchten in dieser Phase tatsächlich, wie im Übrigens viele andere Bands auch, mal einen anderen kreativen Einfluss. Aber du hast schon recht, seit diesen Projekten sind wir trotz des Erfolges bis zur Reunion nie wieder in der ursprünglichen Konstellation aufgetreten.

Hardline: Dann hast du dir 15 Jahre Auszeit gegönnt. Wie kam es, dass du zurück zur Band gekommen bist?

Roger Taylor: Die Geschichte war einfach noch nicht fertig, so kann man das recht simpel zusammenfassen. Als ich die Band damals verließ, waren wir ganz oben angekommen. Und ich hatte während dieser selbstgewählten Auszeit immer das Gefühl, dass da zusammen mit den Jungs noch einiges mehr gehen würde, mehr zu erreichen ist. Und wenn man ein Mitglied einer Band war, die so erfolgreich ist, wie wir es waren, dann kennen einen die Menschen einfach. Du kannst dann nicht einfach in einer Bank anfangen zu arbeiten. Viele Leute erkennen einen und sagen: „Schau mal, das ist doch der Typ von Duran Duran.“ Nach meinem Ausstieg habe ich dann einige Dinge gemacht, die nichts mit der Musik zu tun hatten, musste mich selbst finden. Es war für mich aber wie beschrieben immer klar, dass ich eines Tages zurück zur Band kommen würde, dass das insgesamt 15 Jahre dauerte, hat mich dann selbst überrascht, aber hier bin ich, zwanzig Jahre später, immer noch aktiv und sitze mit dir in einem Raum (lacht).

Fotocredit by John Swannell

Hardline: Dann wart ihr, zur Begeisterung vieler Fans, beim Astronaut Album endlich alle wiedervereint. Kurz danach jedoch verließ Andy Taylor zum zweiten Mal die Band. Ist er für euren immer sehr wandlungsreich Stil zu sehr Rockmusiker?

Roger Taylor: Da bin ich bei dir, Andys Richtung ist definitiv die Rock-Musik! Ich glaube, dass er mit dem Stil von uns irgendwann frustriert war und er deswegen die Band verließ. Ich denke, dass er für sich selbst die richtige Entscheidung getroffen hat. Er ist jetzt glücklich mit dem, was er kreiert, er hat seinen Platz gefunden.

Hardline: Seid ihr noch in Kontakt?

Roger Taylor: Wir sind musikalisch absolut in verschiedene Richtung gegangen, sind aber in Kontakt. Das Wichtigste ist aber, er ist zufrieden mit dem, was er macht, wir sind zufrieden mit dem, was wir machen …

Cover „FUTURE PAST“

Hardline: Zum neuen Album, bei dem mich nach dem ersten Hören schon einige Songs wie „ALL OF YOU“, „ANNIVERSARY“ oder „HAMMERHEAD“ begeistern konnten. Im Gegensatz zu anderen Alben wirkt „FUTURE PAST“ viel realer, weniger plastisch, wie ist deine Sicht der Dinge?

Roger Taylor: Dein Gefühl täuscht dich nicht, unser Produzent Erol Alkan wollte diesen typischen Live-Sound zurück aufs Album bringen. Du kannst immer behaupten, dass du das Schlagzeug gespielt hast, den Bass bedient hast und so weiter, aber wir wollten endlich wieder diesen organischen Sound in die Songs bringen.

Hardline: Wie entsteht ein Song im Hause Duran Duran?

Roger Taylor: Simon ist meist verantwortlich für die Texte. Auf dem neuen Album hat er ungefähr 90% und mehr der Texte geschrieben. Zuerst aber kommt die Musik, die tatsächlich häufig aus Jam-Sessions entsteht. Wir haben die Songs „FUTURE PAST“ tatsächlich ein wenig im Stil der siebziger Jahre kreiert, saßen wirklich stundenlang in einem Raum und haben pausenlos zusammen gejammt. Mal ist Simon mit einer Basis-Idee gekommen, die wir dann, wenn die Texte dazugekommen waren, überarbeitet und weiterentwickelt haben. Aber es gab bei all den Songs aber nicht eine typische Vorgehensweise, da war mal ein Groove an erster Stelle, mal eine Keyboard-Passage oder einer Bass-Linie. „FUTURE PAST“ war eine wirkliche Gruppenarbeit!

Hardline: Ihr habt bei „FUTURE PAST“ einige Gäste begrüßen können, so rappte Ivorian Doll bei „HAMMERHEAD“ und gab diesem Song einen sehr speziellen Touch. Auch der Leadgitarrist und Mitbegründer von Blur, Graham Coxon, unterstützte. Wer kreierte die Ideen mit den doch verschiedenen Gästen?

Roger Taylor: Gerade der von dir erwähnte Graham war auch für uns überraschend ein wirkliches Schwergewicht in seinem Bereich. Er wurde von unserem Produzenten Erol Alkan vorgeschlagen und es war definitiv eine grandiose Idee und eine große Bereicherung! Wir hatten wirklich das Gefühl, als Band dieses Album einzuspielen, ein wirklich toller Gitarrist und Künstler. Und genau dieses Bandgefühl haben wir wie eben schon beschrieben in die Songs einfließen lassen. Aber auch die von dir erwähnte Unterstützung von Ivorian Doll, von Mike Garson bei „FALLING“ und alle anderen am Album beteiligten Musiker waren eine Bereicherung!

Hardline: Ihr veröffentlicht euer Album am 22. Oktober 2021, die Pandemie hat uns alle leider immer noch im Griff. War eine Verlegung des Releases ein Thema bei euch? Eine Tour zum Album ist aktuell immer noch mit vielen Fragezeichen zu planen …

Roger Taylor: Nein, wir denken, dass es jetzt ein guter Zeitpunkt ist, um das Album zu veröffentlichen. Allerdings hatte die Pandemie durchaus einen großen Einfluss auf die Arbeiten am Album. Normalerweise befinden auch wir uns in einem immer wiederkehrenden Kreislauf, nach einem Album folgt eine Tour, dann eine Pause, dann traf man sich wieder, veröffentlichte wieder ein Album, dann eine Tour und so weiter. Wir haben vor einiger Zeit die „PAPER GODS“ Tour beendet und gingen zurück ins Studio, um mit den Arbeiten an diesem Album zu beginnen. Das Positive an diesem neuen Album war, dass wir tatsächlich alle Zeit der Welt dafür hatten, es waren danach keine Live-Termine, Live-Tourneen geplant, die einen unter Druck setzten. Wir konnten uns tatsächlich auch einmal Zeit für andere, für private Dinge nehmen, mit dem Hund Gassi gehen, Bilder malen und viele andere Dinge. Bei den Aufnahmen hatten wir dann pandemiebedingt den nächsten Break genau in der Mitte der Arbeiten. Als wir dann die Arbeiten wieder aufnehmen durften, hatten wir alle viele neue Ideen, neue Visionen im Gepäck. Aus unserer Sicht ist das neue Album tatsächlich eines unserer Besten geworden, vielleicht das Beste seit der Reunion.

Fotocredit by John Swannell

Hardline: Letztes Thema, am 24. August verstarb einer der bekanntesten und wohl besten Schlagzeuger dieser Welt, Charlie Watts. Wie denkst du über ihn, und hast du ihn kennenlernen dürfen?

Roger Taylor: Charlie Watts war ein wirklich begnadeter Schlagzeuger, der einen grandiosen und zugleich simplen Stil hatte, Schlagzeug zu spielen. Ich lernte seinen Stil erst einige Jahre später zu schätzen. Er hatte wirklich einen beeindruckenden Groove, mit dem er die Band trug. Ich traf ihn in den achtziger Jahren persönlich und lernte ihn als fast demütigen Menschen kennen, ihn, den Drummer der wohl größten Rockband der Welt. Beim letzten Gig der Stones in London 2018 hatte ich noch einmal die Möglichkeit, ihn zu treffen. Ich bin dazu extra mit der Bahn in Richtung Stadion gefahren, musste umsteigen in einen anderen Zug, der dann kaputt ausfiel. Ich bin dann hektisch in ein Taxi gestiegen, um irgendwie zum Stadion zu kommen, dieses gelang zwar auch, aber als das Taxi dort stoppte, begann die Show mit „Jumpin‘ Jack Flash“. Da ich das Treffen vor dem Gig hatte, konnte ich ihn leider nicht mehr sehen, was mich wirklich betrübte.

Hardline: Das ist in der Tat eine Geschichte ohne Happy End. Wir sitzen ja nun hier in Hamburg zusammen. Was verbindest du, was verbindet ihr mit dieser Stadt?

Roger Taylor: Hamburg ist für uns immer wieder eine Reise wert, zu dem Ort, wo die Karriere der von allen verehrten Beatles begann, zudem eine wirklich hübsche Stadt, viele grüne Flächen, viele Sportler, die um die Alster laufen … wir kommen wirklich gerne immer wieder in diese Stadt.

Hardline: Roger, das war es von meiner Seite aus. Die letzten Worte sind deine, Antworten auf nicht gestellte Fragen…

Roger Taylor: Ich denke, wir haben wirklich viele Themen besprochen. Wichtig wäre uns noch mitzuteilen, dass wir uns riesig freuen, wenn wir jetzt endlich wieder auf die Bühne können, um unsere Songs live zu performen!

Hardline: Dafür drücken wir alle Daumen, bedanken uns bei dir für dieses tolle Gespräch und wünschen euch für „FUTURE PAST“ alles erdenklich Gute, bleibt gesund!

Text: Alexander Stock

Cover-Pic: Foto-Credit by Stephanie Pistel

Duran Duran – „ANNIVERSARY“ (Music Video) – YouTube