Nachtblut – „Jede Medaille hat zwei Seiten“

Zwar sind seit diesem Gespräch einige Monate vergangen, doch die deutsche Dark Rock Combo Nachtblut sind immer noch mit ihrem aktuellen Album „Todschick“ unermüdlich auf Tour. Die Erfolgsgeschichte geht weiter. Erst kürzlich kehrte die Band erneut nach China zurück – ein Land, das sie bereits auf früheren Touren ins Herz geschlossen haben und ihnen unvergessliche, wenn auch anstrengende Erinnerungen beschert hat. Die Energie ist ungebrochen, die Shows ausverkauft, und die Band beweist eindrucksvoll, dass sie nach all den Jahren noch immer hungrig sind. Unser Interview führten wir damals im Backstage München, zu Beginn ihrer „Todschick“-Tour, als die Euphorie über den Start noch frisch und die Vorfreude auf die kommenden Monate greifbar war.

Das Backstage in München kennen Nachtblut mittlerweile in- und auswendig. Bereits mehrfach waren sie hier und dabei alle Räumlichkeiten durchgespielt. Als wir uns zum Interview trafen, lag der Start ihrer aktuellen Tour gerade hinter ihnen – Hannover war bereits komplett ausverkauft.
„Man freut sich natürlich mega darüber, wenn man merkt, dass der Zuspruch so groß ist. Wir hätten ja sonst ganz andere Hallen gebucht, wenn wir damit gerechnet hätten“, erklären unsere Interviewpartner, Schlagzeuger Skoll und Bassist AblaZ. „Nach Corona war das schon ähnlich, aber man darf sich nie darauf verlassen, dass das wieder so funktioniert. Und jetzt lag der Album-Release praktisch auf dem Tourstart – und trotzdem lief es wieder genauso. Es läuft.“

Ob man nach fast 20 Jahren Bandgeschichte, denn nie an einen Punkt gekommen sei, an dem ein Kurswechsel nötig gewesen wäre, wird ebenfalls thematisiert. „Nachtblut ist ein Spiegel der Persönlichkeiten, die wir heute sind. Natürlich würden wir rückblickend manches anders machen, aber konkrete Momente, in denen wir gesagt hätten: ‘Bis hierhin und nicht weiter’, gab es nicht. Wir sind klein gestartet, haben jede Show mitgenommen, sind zwölf Stunden im Sprinter gefahren, 90 Minuten gespielt und zwölf Stunden zurück. Das war Rock’n’Roll – und genau diese Nächte haben uns geprägt.“
Die Band kommt gerade aus Wien, sind die Nacht ganz entspannt mit dem Tourbus hergefahren. Der Schlagzeuger erinnert sich aber auch an ganz andere Shows. „Die Nächte haben wir dann auch nicht wirklich zum Schlafen genutzt. Auch wenn man manchmal denkt, wie konnten wir das nur durchziehen, waren es dennoch tolle Nächte mit tollen Erlebnissen. Das gehört auch dazu, um letztlich genau zu wissen, wo man heute eigentlich steht.“
Auch die Frage nach der schlimmsten Tour-Erfahrung führt zu einem Schmunzeln.
„Es ist schwer, nur eine rauszupicken. In kleinen Clubs sind schon Bilder hinter mir runtergefallen, die auf dem Drumset gelandet sind. In China habe ich pro Nacht vielleicht zwei Stunden geschlafen, wenn überhaupt. Jeden Tag drei Stunden fliegen, zwischen Aftershow-Party und Flughafen hin- und herpendeln – das war wild. Und dann war da die Sache mit dem verlorenen Bühnenoutfit in Peking… .“

Das Land ist natürlich auch ein bisschen größer. Und auch hier das Thema Rock’n’Roll. Manchmal sei es wirklich direkt von der Aftershow-Party ins Hotel gegangen, den Rucksack wieder gepackt und ab zum Flughafen. Die Routine vom Schlagzeuger war dann “Fluch der Karibik” auf Chinesisch zu schauen – das war schließlich der einzige Film, den er verstanden habe. „Ich wusste, wenn der vorbei ist, dann kommt der Shuttle zum Flughafen.“
Die erste China-Tour umfasste in Summe vier Shows in zwei Wochen, was damals noch sehr entspannt war mit viel Sightseeing dabei. Danach folgte eine Tour mit acht oder neun Shows in zehn Tagen. Und dann der besagte Albtraum bei der zweiten Tour: Sie kommen in Peking an und stellen fest, ihr Koffer mit der Bühnenausstattung ist nicht da. „Mit unserer Statur und ihren Körpergrößen wäre es auch gar nicht so einfach gewesen, dort mal eben Klamotten zu besorgen, die man zumindest einigermaßen bühnentauglich tragen kann. Es ist uns dann last minute gottseidank wirklich noch gelungen, dass der Koffer mithilfe der Airline noch ins Hotel geliefert wurde. Aber wir hätten es ja auch mit normalen Klamotten durchgezogen, auch wenn es natürlich scheiße gewesen wäre, absagen konnten wir ja nicht.“
Die jüngste Chartplatzierung sorgt ebenfalls für Gesprächsstoff. Bei Instagram und Facebook war zunächst Platz 7 zu sehen, wie der Schlagzeuger berichtet. „Wir sind aber auf Platz 11 gelandet – für eine extreme Metal-Band immer noch sensationell. Klar, in der Mitte der Woche standen wir höher und man hofft dann natürlich. Aber da kommen eben noch Roland Kaiser & Co. in der letzten Woche… Das ist eine andere Liga. Am Ende ist es kein Jammern, eher ein kleiner Wermutstropfen.“

Zum neuen Album und dessen stilistischer Vielfalt äußert sich die Band ausführlich. „Für uns gibt es keine Grenzen. Vielleicht werden wir nie nach Schlager klingen, aber ausschließen würde ich nichts. Ein Album ist immer ein Spiegel des Moments, und wenn wir in drei Jahren plötzlich wieder mehr Black Metal hören, dann fließt das natürlich ein. Wichtig ist nur: Es muss nach Nachtblut klingen.“
Auch zur Zusammenarbeit mit Produzent Chris Harms geben sie Einblicke. „Die Grundideen kommen natürlich alle von uns. Die Demos entstehen beim Sänger, wir diskutieren dann alles in der Band, formen das weiter. Chris und sein Team geben den Blick von außen, der manchmal Gold wert ist. Er sagt nicht, wie wir schreiben sollen, aber er hilft beim Feintuning.“
Dass die Texte überwiegend aus der Feder des Sängers stammen, bestätigt die Band ebenfalls. „Wir sprechen natürlich über Themen, die uns beschäftigen, aber maßgeblich kommen die Lyrics von ihm.“ Der Song „Stirb langsam“ als kleine, ironische Abrechnung mit der Sauf-Romantik im Metal ist ebenfalls eine Frage wert. „Diese Bands haben ihre Daseinsberechtigung. Wir verteufeln Alkohol nicht, aber wir wollen zeigen: Jede Medaille hat zwei Seiten. Party ist cool – solange man weiß, was man sich antut und was es bedeutet, so etwas zu glorifizieren.“
Die Bandmitglieder kennen sich aus der gleichen Gegend – dem Raum Osnabrück, nicht direkt aus der Stadt, aber das Szeneleben habe in Osnabrück stattgefunden. Man kenne sich aus diversen Clubs, so habe sich das sehr natürlich ergeben. Der Schlagzeuger habe vorher noch in einer anderen Band gespielt, der Kontakt bestand, und als es bei Nachtblut einen Wechsel beim Schlagzeuger gegeben habe, sei er quasi eingesprungen – und geblieben.

Als klassische Bands, mit denen sie aufgewachsen sind, nennt Skoll die Beatles – besonders Ringo Starr am Schlagzeug. Beim Bassisten war es dagegen Cradle of Filth: „das war einer der Einflüsse zu Anfang. Und natürlich alles, was in der Nu-Metal-Zeit Bestand hatte – Slipknot, Rammstein, die Klassiker, die jeder gehört hat, der irgendwie Metal mochte. Cradle war dann auch der Einstieg in den extremeren Metal, Dark Metal und danach auch in den eigentlichen Black Metal.“ Der Schlagzeuger hatte das Glück, dass sein Vater immer eine sehr gute Plattensammlung hatte, unter anderem mit Deep Purple und Black Sabbath. Da sei schon immer Rockmusik im Haus gewesen. Das erste Mal, dass er das selbst aufgegriffen habe, war über Marilyn Manson als Teenager. Von da an habe sich das entwickelt.
Ob es mal einen Text bei Nachtblut gab, bei dem sie das Gefühl hatten, zu weit gegangen zu sein, vielleicht mit der Sittenpolizei im Hinterkopf? „Wir würden uns nie einen Maulkorb verpassen lassen. Wenn jemand sich provoziert fühlt – gut. Wenn jemand anfängt nachzudenken – noch besser. Aber Grenzen setzen wir uns definitiv nicht.“
Ein Riesenerfolg für die Band war übrigens auch der Cover-Song „Alles nur geklaut“. „Natürlich mussten wir für das Go die Prinzen fragen. Das muss immer ganz offiziell laufen. Lustigerweise hat Sebastian Krumbiegel uns sogar mal live gesehen und gelobt. Das war ein lustiges Aufeinandertreffen gewesen. Er habe extrem viele Cover-Versionen von diesem Song natürlich schon gehört, aber unsere war auf jeden Fall dabei die außergewöhnlichste und extremste.“
Bezüglich der Zukunft, ob es etwas gibt, was sie sich für Nachtblut wünschen, was sie unbedingt noch erreichen wollen? „Die Top Ten in den Charts natürlich“, scherzt der Schlagzeuger Skoll. „Das ist eine schwierige Frage. Es gibt sicherlich Dinge, die man sich wünscht, aber persönlich gehe ich jetzt nicht so verbissen ran. Solange man Spaß daran hat, ist alles gut. Es wäre auch schädlich, wenn man jetzt zu verbissen an die Sache rangeht, so nach dem Motto: ich muss jetzt noch das und das erreichen. Das bekommt dann einen sehr komischen Charakter. Von daher ist es schön, wenn sich gewisse Dinge ergeben. Die behalt ich aber gerne für mich. Sonst muss man sich am Ende auch immer daran messen lassen. Klar gibt es Wünsche und Träume, aber das sind halt schließlich meine.“
Für die Band stehe die Weiterentwicklung sowieso an – das sei ganz natürlich. Es gebe auch häufig die Frage, wie man denn zu diesem Album stehe. Er würde immer sagen, man sei zu nah dran an dem Prozess gerade noch. Es sei gerade der Release. Er könnte jetzt über “Antik” oder “Dogma” sprechen, da gab es eine Entwicklung. Aber wenn jetzt ein Fan zu ihm kommt und sagt, das klingt ja anders oder ihr habt euch in die Richtung entwickelt, dann könne er immer nur mit der Schulter zucken und selber die Gegenfrage stellen: Aha, ist das so? Weil einfach die zeitliche Distanz fehle.

Ob es einen Song auf dem neuen Album gibt, der sie persönlich besonders berührt? Der Schlagzeuger nennt „Das Leben der Anderen“, „weil sich damit eigentlich jeder auseinandersetzen kann. Social Media ist Fluch und Segen zugleich. Der Song trifft das einfach perfekt.“ Er persönlich versuche, Social Media eher produktiv zu nutzen und weniger zu konsumieren, unterscheide da auch tatsächlich. Aber er könne sich ja nicht frei machen davon. Gerade auf Tour, wenn man dann auch mal länger unterwegs ist, scrolle man doch mal durch. Dann sehe man die Influencer, und alle haben irgendwie das ganze Jahr Urlaub und fahren die schönsten Autos und haben drei Millionen wahre Freunde natürlich. Dann fange man an, wenn man nicht sehr gefestigt ist, vielleicht in einem Moment seine Entscheidung oder sein Leben zu hinterfragen. „Um da rauszukommen, muss man sich dann einfach wieder bewusst machen, was man doch für ein gutes Leben führt.“
AblaZ nennt als seinen persönlichen Song „Stirb langsam“, „weil er insbesondere live gefühlstechnisch eine absolute Achterbahnfahrt ist. Er ist vom Vibe her der absolute Party-Song, dabei kommt einfach die richtige Stimmung auf. Hervorzuheben sind auch die Lyrics, die dem Ganzen eine kritische Note verleihen. Wenn es dann richtig in den Metal-Part geht, kommt die ganze hassgeladene Energie raus. Gerade die letzten 30 Sekunden – da gehe ich immer total steil, da fiebere ich immer darauf hin. Das ist live einfach ein sehr, sehr schöner Moment.“
Zur Frage, wie sie dazu stehen, dass Leute mit den Handys fotografieren und Videos machen? „Das kommt auf die Qualität an“, antwortet der Schlagzeuger. „Wir sind ja auch eine stark visuelle Band. Wenn viele Fotografen Teile des Konzerts festhalten und das visuell sehr gut rüberbringen, ist das natürlich etwas, was wir auch gerne sehen und gerne dabeihaben. Wenn natürlich Leute dabei sind – am besten noch die ersten zehn Reihen – die von 90 Minuten Konzerterlebnis 80 Minuten in einer sauschlechten Qualität mitfilmen, das Konzert selbst aber nicht genießen können, weil sie ja mit dem Filmen beschäftigt sind und anderen die Sicht versperren, ist sowas natürlich schlecht. Davon hat niemand etwas.“ Auch wenn sie nachher auf YouTube diese Mitschnitte sehen, das spiegle weder die Qualität noch die Atmosphäre in irgendeiner Form wider. Das sei dann eher nachteilig, ein Datenmüll. „Es geht uns nicht um die Qualität, sondern man geht doch ins Konzert und will es mit allen Sinnen genießen – hören natürlich maßgeblich, sehen, manchmal aber auch zusätzlich der Geruch. Wenn man dann die ganze Zeit auf einen Bildschirm achtet, um zu gucken, ist das schon schwierig. Wir werden oft gefragt, ob wir nicht mal eine Blu-ray rausbringen können. Sicherlich ist das eine Möglichkeit und eine Option für Leute, die nicht dabei sein können. Aber sowas kann niemals das Erlebnis ersetzen, als wenn man wirklich vor Ort ist. Man muss das einfach live erleben.“

Was sie dagegen eher mögen, sind kurze Clips, die sie nach Konzerten auf Instagram sehen – wo man einfach die Fans hört, wie sie energiegeladen laut mitsingen, weil sie den Song gerade fühlen. Das, was sie in diesem Konzert erlebt haben, das finde er toll. Den schaue sich der Schlagzeuger dann auch kurz gerne an, weil er dann merke, die haben das Konzert richtig genossen und trotzdem noch irgendwie geschafft, das mitzumachen. Vor allem die direkte Interaktion – man könne alle Kommentare und Likes sehen, das freue sie auch, und sie lesen sich das durch. Aber es sei was anderes, direkt die Energie zu spüren.
Nach diesem intensiven Gespräch bleibt nur noch eine Frage: Ob sie nebenbei noch Jobs haben oder mittlerweile Vollzeit Musiker sind? „Das geht dann doch zu sehr ins Private“, lacht der Schlagzeuger. Vollblut-Musiker sind sie sowieso – in jeder Hinsicht.
Text: Daniel Krömmling
Fotos: Alexander Stock
Bandfoto Credits by Andreas Schieler
