MYTHEMIA – Sehnsucht in allen Facetten und Farben

Mythemia, seit 2014 existent, bringt am 17.07.26 das Album „Wolkenjäger“ heraus. Die Folkrocker, die sich bei unzähligen Live-Gigs und selbstredend auf dem MPS und auf bislang zwei Support-Touren einen Namen gemacht haben, setzen mit „Wolkenfänger“ neue Maßstäbe. Auf der einen Seite bleiben es unverkennbar Mythemia, auf der anderen Seite ist musikalische ein klarer Schritt nach vorn deutlich. Nach vorn bedeutet hier eine Weiterentwicklung und Verfeinerung der bestehenden Linie, was das kommende Album bereits jetzt zu einem Goldstück macht. Ich sprach mit Sänger Rodrigo über die Entstehung des Albums und über viele Hintergründe, die sich hinter dem neuen Werk verstecken…

2024 erschien das letzte Album, jetzt kommt „Wolkenjäger“. Rückblickend auf die letzte Zeit: Wie hat euer Alltag in der Zwischenzeit ausgesehen, immerhin geht ihr ja auch fast alle noch ‚normalen‘ Jobs nach…
Die Hälfte der Band sind bereits Berufsmusiker. Gesamt gesehen ist es ja so, dass die Band sehr viel Zeit frisst. Es ist absolut krass, was das mit einem macht: Man denkt immer, das ist ein cooles Bühnenleben, es ist aber gleichzeitig auch eine stressige Zeit. Es macht total Spaß und bin sehr dankbar, dass wir das machen dürfen, es ist aber gleichzeitig auch nicht ohne… Wir waren Support bei der „Nordic Force“-Tour von Storm Seeker, die letzte Tour von Harpyie haben wir auch supportet. Bei der Storm Seeker-Tour habe ich noch komplett unterschätzt, was das für ein krasser Alltag ist, wir waren vier Wochen am Stück unterwegs. Es bleibt kaum Zeit zum Regenerieren. Man fährt stundenlang zu einem Gig (der auch sehr fordernd ist), hat dann zwar Spaß auf der Bühne, danach fährt man nach Hause, hat dass grad Zeit, seine Sachen zu waschen usw., damit man am nächsten Morgen wieder arbeiten gehen kann. Dieses Parallelleben ist wirklich nicht ohne… Wenn du dann wieder im Büro sitzt und deine Arbeit machst, applaudiert keiner, wenn du hineinkommst. (lacht) Das ist schon ein Kontrastprogramm.
Wie verlief die Entwicklung des neuen Albums, wie sind die Songs entstanden?
Die Songproduktion lief wieder über den Marius, das ist ja seit „Nimmerland“ unser Produzent, dort ist viel in seinem Studio entstanden, aber auch in Heimarbeit durch uns selbst. Es ist also nichts ‚in einem Rutsch‘ passiert. Hier und da wurde etwas erarbeitet, was hinterher zusammengetragen wurde. Die gesamte Arbeit war eine Ecke runder als bei „Nimmerland“. Es ist viel auch ein Herausfinden, was wir genau wollen und wo es hingehen soll. Ich beneide Bands, die genau das vor einer Produktion schon wissen, bei uns ist das immer ein Entwicklungsprozess. Jeder bringt etwas an Ideen und seine Erfahrung mit, dann wird das Beste daraus gemacht.
„…hat ja jeder die Möglichkeit, sein Veto einzulegen
Haben alle das gleiche Mitspracherecht, was das Songwriting angeht?
Im Grunde hat jeder ja die Möglichkeit, sein Veto einzulegen. Es wird sich aber keiner rausnehmen, etwas zu Dingen zu sagen, die nicht seine Expertise sind. Ich zum Beispiel schreibe Texte, habe aber von Melodien weniger Ahnung, kann da also nicht so viel zu sagen. Wenn es z.B. um Geige/Violine geht, haben andere eher das Recht, zu sagen, was sie da bevorzugen, usw. Somit läuft es nicht immer ganz demokratisch ab, da in manchen Dingen halt anderen der Vorrang gegeben werden muss.
Ich habe den Eindruck, dass ihr definitiver und etwas kantiger geworden seid. Wie siehst du das?
Das stimmt, wir wollen nicht nur Musik machen, die wir fühlen – wir wollen auch Musik machen, die wir live umsetzen können. Somit schreiben wir Musik nicht nur für die CD, sondern auch für unsere Live-Gigs, denn in erster Linie sind wir eine Live-Band. Somit: Hört die Musik nicht nur zu Hause, kommt auch zu unseren Live-Konzerten. Wir sind in den neuen Songs mehr auf den Punkt, dahingehend haben wir uns auch weiterentwickelt.
Du hast eben erwähnt, dass du die Texte schreibst. Daher: wie ist das literarische Konzept des Albums, gibt es Schwerpunkte?
„…immer ein bisschen romantisch
Mythemia ist immer ein bisschen romantisch. Ein Thema auf allen Alben ist die Sehnsucht, in allen Facetten und Farben. Es kann die Sehnsucht nach der ferne, die Sehnsucht nach zu Hause sein, nach der Liebe, es kann Heimweh bedeuten. Auch in der negativen Richtung ist das denkbar, wir haben das Thema ‚Sucht‘ mit auf dem Album. Die große Schnittstelle ist allerdings immer das Thema Sehnsucht.
Ihr habt euch bei „Wolkenjäger“ der Seefahrt verschrieben, ist das Teil eines Konzepts?
Da will ich mich nicht festlegen, denn wir sind ja keine Piraten. Wir sind ja auch nicht als Piraten verkleidet. Das nordische Thema ist halt präsent und da kommt man immer drauf zurück, wenn man über Sehnsucht, Fernweh und Abenteuer schreibt und singt. Für „Wolkenjäger“ ist es ein großer Teil, der dazu passt. Es ist ein sehr großes Thema, aber wir wollen uns da auch nicht gleichzeitig drauf beschränken. Die Themen Sehnsucht und Romantik sind viel zu groß, dass man sie auf das kleine Thema Nautik beschränken kann. Es kann ja auch sein, dass wir beim nächsten Album in ein anderes Thema gehen… Es hat auch viel damit zu tun, was man gerade für ein Mensch ist: Bei „Firmament“ oder „Nimmerland“ war ich je auch ein ganz anderer Mensch, dies ist bei „Wolkenjäger“ auch so. Es hat immer damit zu tun, was dich in der Zeit bewegt oder interessiert hat, es war damals was anderes und wird morgen wieder etwas ganz anderes sein.
Wie siehst du die Entwicklung euerer Musik in den letzten Jahren?
Die Musik, die zu Beginn gemacht wurde, war von einer komplett anders besetzten Band gemacht. Von der alten Band ist ja nur der Thomas übrig. „Weltenwanderer“ war noch mit weiblichem Gesang besetzt. Spätestens mit meinem Einstieg zu „Firmament“ hat sich alles noch einmal geändert.
Gehen wir mal auf einige neue Songs ein:
„Land in Sicht“
Dieser Song hat mich so sehr daran erinnert, dass wir wieder auftreten werden. Immer nach einer langen Pause, wo wir die anderen nicht sehen (wie z.B. die Winterpause) ist es schön auf die Bühne zu gehen, die Leute zu sehen, Das ist etwas, was mir sehr viel bedeutet.
„Wolkenjäger“
Wenn ich mich als Person beschreiben müsste, dann in dem kompletten Text dieses Songs. Ein Typ, der in den Tag hineinlebt, heute hier und morgen dort ist. Mit diesem Song kann ich mich selbst am meisten identifizieren. Der Song, der am ehesten über mich spricht, mein persönlichstes Lied auf dem Album.
„Nachtgeläute“
Das ist der ‚Thomas-Song‘, den hat unser Geiger geschrieben, der im Herzen ein absolutes Gothic-Kind ist. Eine Hommage an die alternative Szene und da knüpfen wir auch gerne an.
„Der Horizont ist bunt“
Das ist unser Statement! Viele sagen, dass man in der Musik nicht politisch sein sollte, das sehen wir ganz anders. Wir sind eine absolut Links-Verknüpfte Band und wir finden es wichtig, genau darüber ein Statement zu setzen. Wir sind gerade bereits bei über 20.000 Stickern in Regenborgenfarben, die wir dafür verteilen – der Weg ist halt bunt!
„Darauf trinken wir“
Dieser Song soll uns an’s Beisammensein erinnern. Egal, ob man jetzt auf, oder vor der Bühne ist – wir als Musiker oder das Publikum. Die Arme auf seinen Nachbarn vom Nebenmann (-frau), nach links und rechts schunkeln und einfach gemeinsam das Leben genießen.
Für „Loreley“ habt ihr euch Unterstützung aus dem Hause Erichsen (Mr. Hurley & die Pulveraffen) geholt, wie ist das entstanden?
Genau, dafür haben wir uns die Pegleg Peggy geschnappt. Da wir eine (zum Teil) politisch motivierte Band sein wollen und somit auch unser Statement geben haben wir einen Song über sexualisierte Gewalt beigetragen. Dies ist je gerade auch in den Medien ein großes Thema. Ich wollte mich jetzt aber nicht als weiser Bursche dahinstellen, es war uns wichtig, dass da auch eine zielorientierte Person dabei ist. Es gibt einfach keine Person, die besser geeignet ist, als die Bassistin von den Pulveraffen. Es war uns ein großer Wunsch, dass sie dabei ist, diese Message nach draußen zu bringen, wir sind dafür sehr dankbar.
„…mein persönlicher Lieblingssong
Wie ist die Idee zum Cover von „Heute hier, morgen dort“ entstanden?
Ganz schlichtweg: Die Idee kam von Thomas, aber dieser Song ist mein ganz persönlicher Lieblingssong. Hannes Wader, ein ganz großer Singer/Songwriter hat die deutsche Folk-Szene einfach so krass geprägt. Eben dieser Song ist einer, der mich persönlich sehr anspricht. Es ist so ein schönes Lied, und wir durften davon eine eigene Version raushauen…
„Der Barde“ stammt aus der Zeit, als Mythemia noch eine Frau am Gesang hatte. Wie ist der ‚Umbau‘ des Songs erfolgt und was war die Intension, diesen Song neu aufzulegen?
Wir mussten den Song ja eh etwas ändern, da ich ja in einer anderen Stimmlage singe als die damalige Sängerin Shilan Andersen. „Der Barde“ hat mir schon immer sehr gefallen, wir spielen den bei jedem Gig live und er ist immer ein richtiger Höhepunkt. Somit ist der Song ein fester Bestandteil von uns. Da wir auch nicht vergessen wollen, dass wir mal eine andere Band waren, haben wir entschieden, dass wir diesen Song in die nächste Etappe unser Band mitnehmen wollen. Er wurde auch nicht so viel verändert – wir haben ihn eben ein bisschen rockiger gemacht…
„…ein Fass ohne Boden
Die Tour steht (fast) vor der Tür – wie laufen die Vorbereitungen, was haben wir zu erwarten? Wie fühlt es sich an, die erste Headliner-Tour zu starten?
Wir sind seit einem Jahr in Vorbereitung (lacht), das ist irgendwie ein Fass ohne Boden. Es ist ja unsere erste eigene Tour… Ich muss ehrlich sagen, dass wir deshalb sehr nervös sind. Wir haben bislang zwei Band als Support begleitet, die beide schon recht groß sind. Das Spektrum ist schon groß und wenn da jetzt etwas schiefgelaufen wäre (es ging nichts schief), dann hätte uns keine Schuld getroffen. Das sieht dann ab Oktober dieses Jahres ganz anders aus. Jetzt werden wir richtig ‚getestet, was Mythemia kann uns was wir erreichen möchten. Wir werden unsere ausgetüftelte Live-Show zeigen, alles, was man von einem Headliner zu erwarten hat. Abgesehen von unserer Musik haben wir Elemente eingebaut, die unterhaltsam sind. Natürlich werde ich noch nichts verraten, aber es wird mehr als nur Musik sein was es zu erwarten gibt.

www.mythemia.eu
Text: Matthias Kühlmann, Fotos: von NoCut gestellt
