Unser Interview mit Britta Görtz / Hiraes: An den Auftritt von 2025 werde ich wohl auch noch auf meinem Sterbebett denken …
Sie ist Frontfrau bei den Melodic-Death-Metallern von Hiraes, half im letzten Jahr bei Heaven Shall Burn auf deren Tour aus und arbeitet so ganz nebenbei noch in Hannover als Gesangslehrerin für Harsh Vocals: Britta Görtz. Und mit eben dieser Britta Görtz konnten wir uns nach dem Gig ihrer Band Hiraes auf dem Rockharz-Festival über diverse Themen austauschen …
Britta, ganz lieben Dank, dass du dir so kurz nach eurem Gig Zeit für die Leser vom Hardline Magazin genommen hast! Du bist 1977 in der Nähe von Hannover zur Welt gekommen, sozusagen ein Kind der Achtziger. Welche Bands/Künstler hast du damals als Jugendliche gehört und wer hat dich am Ende zur Musik gebracht?
„SCHULD IST DER GROSSE BRUDER“
Ich habe einen Bruder, der zehn Jahre älter war als ich. Wir teilten uns auch noch im Alter von vier bzw. vierzehn ein Zimmer, so dass ich bereits in ganz jungen Jahren mit Bands wie AC/DC oder Iron Maiden in Kontakt gekommen bin. Ich bin dann ein wenig später mit ihm zusammen auf Konzerte gegangen. Wir waren zusammen u. a. bei Guns N’ Roses oder Metallica, bevor sich unsere musikalischen Wege dann ein wenig trennten und ich in die härtere Richtung, Korn oder Dimmu Borgir, abgebogen bin. Zusammenfassung: Mein Bruder ist schuld, hat er gut gemacht (lacht)!
Wer hat dir den gutturalen Gesang beigebracht und wie schwierig ist es, diese Gesangstechnik zu erlernen, ohne seine Stimme gänzlich zu verlieren?
Ich habe einfach angefangen, hab das Mikro einfach in die Hand genommen und losgelegt. Klar habe ich jede Menge Fehler gemacht, aber man ökonomisiert sich irgendwann selbst, wenn es denn funktionieren soll. Die Umschreibung autodidaktisch bzw. „Learning by Doing“ trifft es hier wohl am besten.
Die Band Hiraes fand letztlich im Corona-Jahr 2020 zusammen, euer Debüt-Album „Solitary“ erschien 2021. Rückblickend die richtige Entscheidung? Eine Tour zum Album konnte ja aus bekannten Gründen nicht stattfinden.
Ja, wir haben uns tatsächlich einen Monat vor der Pandemie zusammengefunden, klasse Zeitpunkt (lacht). Die Zeit während der Pandemie war ja am Anfang für alle ein wenig aufregend, ein wenig strange. Aber nach einem Jahr war man echt mürbe geworden, so ehrlich muss man schon sein. Unser Plattenlabel hat uns die Entscheidung selbst überlassen, bot uns an, die VÖ noch hinauszuzögern. Da wir aber alle nicht wussten, wie lange diese Pandemie dauert und ob sie überhaupt endet, haben wir uns entschieden, das Album trotz aller Widrigkeiten zu veröffentlichen. Es war aus meiner Sicht die richtige Entscheidung. Ich glaube, die Veröffentlichung von „Solitary“ hat uns allen während dieser Phase sehr geholfen.
Drei Jahre später erschien mit „Dormant“ der Nachfolger und konnte sich auf Platz 36 der deutschen Albumcharts platzieren. Wie wichtig sind dir, sind euch diese Platzierungen oder sieht man dieses als Künstler eher sekundär und konzentriert sich, da sich die Albumverkäufe ja in den letzten 20 Jahren radikal verändert haben, mehr in Richtung Konzerte?
„WIRKLICH WICHTIG SIND DIE LIVE-SHOWS“
Es interessiert mich aus zwei Gründen: Zum einen ist es ein schönes Zeichen von außen. Ich mag es, wenn es Metal-Alben in die Charts schaffen, damit Metal als Ganzes sichtbar ist. Zum anderen ist es natürlich aus Marketingsicht wirklich wichtig, der Name wird populärer, man bekommt im Laufe der Jahre andere Stage-Zeiten etc. Das meiste Feedback bekommen wir aber live, so wie hier heute auf dem Rockharz. Es ist total klasse, wenn man sieht, dass wir auf Platz 36 mit dem Album eingestiegen sind, aber wie eben schon erwähnt, wirklich wichtig aber sind die Live-Shows, ohne Wenn, ohne Aber!!
Wir befinden uns gerade auf dem Rockharz-Festival, einer Veranstaltung mit 25.000 Zuschauern. Welche Art bevorzugst du am meisten, mittelgroße Festivals wie das Rockharz oder Summer Breeze, eher die ganz großen Bühnen wie die in Wacken oder doch lieber die kleineren Locations, wo man die Fans sieht und den Schweiß spürt?
Es hat alles so seine Vor- und Nachteile. Das Rockharz ist fast ideal, es ist groß, aber nicht zu groß, man ist immer noch nah am Publikum und fühlt sich wirklich als Teil vom Ganzen. Das ist bei den großen Festivals dann doch ein wenig anders. Was ich aber in keinem Falle missen möchte, sind die Club-Shows. Die Festivals sind gerade für Bands wie uns unheimlich wichtig, um wahrgenommen zu werden, um weiterzukommen. Die Leute haben während dieser Tage eine gute Zeit und gerade in der heutigen Phase der Spaltung zeigen gerade diese Festivals, dass es auch anders geht, dass man in dieser Zeit ein Gemeinschaftsgefühl entwickelt und am Ende wirklich eine Einigkeit entsteht.
Wenn ihr auf Album-Tour geht, wie lange dauern die Proben, bis alles sitzt?
Jeder übt die Songs zuerst einmal selbst, dann mieten wir uns zwei bis drei Tage in einen Club ein und proben die Show, die Abläufe.
Wie anspruchsvoll ist es, bei einem Festival-Gig die Setlist gegenüber den eigenen Shows zu kürzen, und wer ist für diese im Allgemeinen verantwortlich?
Für die Setlist ist hauptsächlich unser Gitarrist Lukas zuständig. Wenn wir wie heute eine Länge von 45–50 Minuten haben, ist das optimal für uns. Man kann dann diese Zeit Vollgas geben, braucht sich – gerade um die etwas spätere Mittagszeit braucht man nicht wirklich mit einer Ballade um die Ecke zu kommen. Bei 75 Minuten oder mehr Spielzeit ist es dann wieder ein wenig anspruchsvoller, da muss man schauen, dass man einen Höhepunkt schafft und auch gegen Ende noch einen Showdown raushaut. Die Spielzeiten von 30 Minuten sind zumindest für uns nicht wirklich klasse, da man in dieser kurzen Zeit überhaupt nicht zeigen kann, was man draufhat.
2025 hast du bei Heaven Shall Burn – auch hier beim Rockharz Festival – am Mikro ausgeholfen und komplett überzeugt. Wie kam dieser Kontakt zustande, musstest du lange überlegen, und wie lange hat es gedauert, bis du die Texte und die Melodien verinnerlicht hattest?
Wir sind uns auf gemeinsamen Festivals zwar über den Weg gelaufen, kannten uns persönlich, aber tatsächlich nicht. Wir haben damals mit Hiraes auf dem Rock Hard Festival gespielt und ich war schon beim Warm-up, stand im Container und habe exakt zu diesem Zeitpunkt eine E-Mail von Benny, dem Manager von Heaven Shall Burn erhalten. In dieser Mail hat er mich gefragt, ob ich bei Heaven Shall Burn aushelfen kann. Nach kurzer Überlegung am Sonntag habe ich dann zugesagt.
Wie hast du denn die Melodien und die Texte so schnell verinnerlicht? Denn es hört sich jetzt nicht danach an, dass du lange Zeit hattest, das Ganze zu lernen …
Ich habe mir tatsächlich den Teleprompter von Udo Dirkschneider ausgeliehen (lacht). Der heißt jetzt „Promti“ und ist nun in den Besitz von Heaven Shall Burn übergegangen. Teile der Crew von HSB und Udo Dirkschneider überschneiden sich und deswegen haben wir den Prompter mitnehmen können, ansonsten hätte ich überhaupt keine Chance gehabt. Dreizehn Songs in 1 ½ Tagen sind unmöglich zu erlernen, auch ich kann nicht zaubern (lacht). Und wenn du dir das erste Konzert noch einmal anschaust: Ich habe jeden Einsatz verpasst, habe einfach versucht, die Energie hochzuhalten. Die enge Verbindung zwischen HSB und den Fans hat es einfach für mich gemacht, dass das Ganze am Ende zu einem Erfolg wurde. Jetzt, ein Jahr später, an gleicher Stelle wieder hier zu sein, lässt schon nostalgische Gefühle hochkommen. An den Auftritt mit HSB werde ich wohl auch noch auf meinem Sterbebett denken, es war … magisch!
Du selbst bist nicht ausschließlich Frontfrau, du bist auch Harsh-Vocal-Coach, lehrst Interessierte, das jeweils vorhandene stimmliche Potenzial zu entfalten, und neue Techniken in den Bereichen Growlen, Shouten und Screamen zu erlernen. Für die Rock- und Metal-Fans, die sich in diesem Genre nicht ganz so auskennen, erklär doch in wenigen Worten die signifikanten Unterschiede von Growlen, Shouten und Screamen.
„DAS GROSSE BUCH DES METAL IST NICHT GESCHRIEBEN“
Das große Buch des Metal ist nicht geschrieben. Ich kann dir jetzt sagen, was ich darunter verstehe, das hat aber keinen Anspruch auf Wahrheit. Für mich ist Screamen alles, was oberhalb der Sprechtonlage ist, Shouten ist für mich alles im Bereich rund um die Sprechtonlage und Growlen ist für mich alles, was darunter ist bzw. liegt. Am Ende des Tages zählt aber: Was möchte der Künstler oder die Künstlerin damit ausdrücken? Ist der Mensch in der Lage, mit dem Instrument Stimme dieses zu tun? Und exakt darauf konzentriere ich mich im Unterricht. Es ist alles nicht so kategorisiert wie zum Beispiel in der Klassik.

Last but not least: Wie weit sind die Arbeiten zum dritten Longplayer und wann können die Fans damit rechnen?
Wir sind tatsächlich mittendrin! Aber zur Timeline: Wenn man fertig ist mit dem Schreiben und das Album ist am Ende fertig gemastert, dann braucht es noch über ein halbes Jahr, damit es herauskommen kann. Die Industrie dahinter ist nicht so schnell, es gibt da Punkte wie Promotion, Plattenpressungen und so weiter zu berücksichtigen. Ich denke, dass das neue Werk im Herbst 2027 veröffentlicht werden könnte … könnte, wenn alles passt (lacht).
Text & Fotos: Alexander Stock
