Interviews

SOTIRIA – Aufbruch statt Rückblick

Mit Eisblume wurde Sotiria Schenk Ende der 2000er zu einer der markantesten Stimmen der deutschen Dark-Rock-Szene. Danach folgten Brüche, eine längere musikalische Auszeit und schließlich ein Abstecher in deutlich poppigere Gefilde. Inzwischen ist Sotiria dort angekommen, wo sie sich selbst musikalisch am wohlsten fühlt: im Dark- und Gothic Rock. Nach einem umjubelten Auftritt beim M’era Luna steht nun der nächste wichtige Schritt an. Im Herbst geht Sotiria erstmals seit mehr als sieben Jahren wieder auf eigene Headliner-Tour. Wir sprachen mit ihr über ihre Rückkehr, alte Eisblume-Zeiten, die Nervosität vor der Tour und darüber, warum gerade kleinere Acts heute die Unterstützung der Fans brauchen.

Du hast im vergangenen Jahr im Grunde dein großes Comeback in der Rock- und Gothic-Szene gefeiert. Wenn man ehrlich ist, wissen wir beide, dass Ausflüge in die Schlagerwelt von Teilen der Rockszene nicht unbedingt wohlwollend betrachtet werden. Wie wurde deine Rückkehr aufgenommen?

Erstaunlicherweise eigentlich ziemlich gut. Das M’era Luna war für mich auch so etwas wie eine Feuertaufe. Ich wollte wissen: Akzeptieren mich die Leute dort noch? Aber wahrscheinlich liegt es auch daran, dass ich ursprünglich aus dieser Szene komme. Die Leute waren zum Glück sehr gnädig mit mir. (lacht)

Für viele Leser beginnt deine Geschichte natürlich mit Eisblume. Warum war dieses Kapitel irgendwann beendet?

Ich habe mich mit meinem damaligen Team einfach nicht mehr verstanden. Es gab Differenzen – sagen wir es einmal so. Ich habe darüber schon einmal gesprochen und das hat ziemlich hohe Wellen geschlagen, bis hin zu anwaltlichen Konsequenzen. Der entscheidende Punkt war aber, dass mir der Name Eisblume nicht gehörte. Den hatte sich mein damaliges Team gesichert. Als die Zusammenarbeit beendet war, durfte ich den Namen deshalb nicht weiterverwenden. Danach habe ich erst einmal eine ganze Zeit überhaupt keine Musik mehr gemacht, weil ich von der ganzen Erfahrung ziemlich bedient war. Irgendwann wollte ich wieder Musik machen, konnte aber Eisblume nicht benutzen und habe schließlich unter meinem bürgerlichen Namen weitergemacht. Sotiria ist tatsächlich mein richtiger Name, das wissen viele gar nicht.

Und musikalisch bist du danach sehr weit von Eisblume weggegangen.

Ja. Damals hatte ich das Gefühl, dass ich mich von dem, was ich vorher gemacht hatte, komplett distanzieren müsste. Und Schlager war davon natürlich ziemlich weit entfernt. Wobei mich selbst die Schlagerwelt nie so richtig als Schlager wahrgenommen hat. Für die war ich irgendwie immer noch zu düster. Natürlich ist diese Welt in manchen Bereichen einfacher. Du gehst mit deinem Playback auf ein Stadtfest, singst eine halbe Stunde und kannst damit gutes Geld verdienen. Aber mir hat es einfach keinen Spaß gemacht. Irgendwann war für mich klar: Ich muss mich auch von den Leuten trennen, die diese Art Musik mit mir machen wollten und mir gleichzeitig erzählt haben, dieser ganze düstere Kram sei Quatsch oder ich sei inzwischen zu alt dafür.

Also habe ich einmal komplett aufgeräumt: Management, Booking, alles weg. Danach habe ich zunächst einfach nur die Musik gemacht, die ich machen wollte. Ohne jemanden im Hintergrund, der mir erzählt, wie etwas zu klingen hat. Und dann hatte ich das Glück, wieder ein Label zu finden, das genau daran geglaubt hat.

Zwischendurch gab es noch deine Zusammenarbeit mit Nino de Angelo. Seine Rockphase hat ihm meiner Meinung nach ausgesprochen gut gestanden.

Mein Vater und Nino kennen sich schon sehr lange. Als Nino sein Rockalbum gemacht hat, fragte er mich, ob ich etwas mit ihm zusammen singen möchte. So ist unser gemeinsamer Song entstanden. Mittlerweile wird Nino ja wieder etwas stärker in Richtung Schlager gedrückt.

Beim M’era Luna gab es dann gewissermaßen zwei Schritte. Im vergangenen Jahr standest du zunächst als Gast bei Eisbrecher auf der Bühne.

Genau. Ich war als Gast von Eisbrecher dort und durfte am Samstagabend beim Headliner mit auf die Bühne. Das war natürlich mega. Ich stand danach dort und dachte mir: Scheiße, ich will hier unbedingt einmal selbst mit meiner Band spielen.

Ich wusste lange nicht, ob das tatsächlich klappen würde. Ich habe sogar etwas anderes abgesagt, bevor ich die endgültige Zusage vom M’era Luna hatte, weil die Möglichkeit noch im Raum stand. Und dann hat es tatsächlich funktioniert.

Allerdings sonntags um zwölf Uhr. Nicht unbedingt die dankbarste Festivalzeit.

Überhaupt nicht! Ich war vorher wirklich extrem aufgeregt, weil ich keine Ahnung hatte, was passieren würde. Aber der Platz wurde immer voller und voller – und am Ende war es tatsächlich richtig voll. Das war total cool und hat uns unglaublich motiviert.

Der Auftritt beim M’era Luna war für Sotiria mehr als nur ein weiterer Festivaltermin. Bereits ein Jahr zuvor hatte sie dort gemeinsam mit Eisbrecher auf der Bühne gestanden. Der eigene Auftritt am Sonntagmittag entwickelte sich dann zur endgültigen Bestätigung, dass ihr musikalischer Weg zurück in die schwarze Szene funktioniert.

Auf deinem Album gibt es einige Kollaborationen. Alex Wesselsky lag durch deine Verbindung zu Eisbrecher natürlich nahe. Einer meiner persönlichen Favoriten ist aber dein Song mit Peter Heppner. Gerade beim M’era Luna hatte ich insgeheim gehofft, dass er plötzlich auf der Bühne auftaucht.

Nein, leider nicht. Er war auch gar nicht da.

Schade! Kommen wir zur Tour. Du warst bereits bei einigen Eisbrecher-Shows als Gast dabei, aber jetzt geht es erstmals wieder unter eigenem Namen auf Headliner-Tour. Wie nervös bist du?

Sehr! Das ist meine erste eigene Tour seit über sieben Jahren. Meine erste Headliner-Tour seit dieser Zeit. Ich schwanke momentan irgendwo zwischen Aufregung, Panik und Vorfreude. (lacht)

Wobei die Vorzeichen ziemlich gut sind. Berlin ist bereits ausverkauft – und Berlin ist für viele Künstler alles andere als ein einfacher Markt.

Inzwischen sind drei von sechs Shows ausverkauft: Berlin, Dresden und Leipzig. Darüber freue ich mich total. Bei mir funktioniert der Osten meistens etwas besser als der Westen. Im Westen haben wir noch Hamburg, Oberhausen und Köln.

Eisblume-Fans werden sich natürlich fragen, ob es auch Songs aus dieser Phase auf der Tour geben wird?

Natürlich wird es auch etwas aus den alten Geschichten geben. Mehr verrate ich aber noch nicht.

Ein wichtiger Faktor für deine Rückkehr ist deine Band. Wie schwierig war es, die richtigen Musiker dafür zu finden?

Eigentlich hatte ich durch Rupert Kepler eine ziemlich gute Ausgangslage. Er spielt sehr viel live und ist entsprechend gut vernetzt. Dadurch habe ich hier in Hamburg eine tolle Band gefunden. Justin hat beispielsweise auch mit mir geschrieben und ist als Songwriter auf meinem Album vertreten. Mia hat bereits bei einer Akustiknummer Cello für mich gespielt. Und Jan, unser Schlagzeuger, kommt ebenfalls aus Hamburg und spielt unter anderem bei Joachim Witt. Rupert war bei der ganzen Sache schon so etwas wie mein Anker. Für mich war außerdem wichtig, möglichst viele Leute aus Hamburg zu haben. Ich wohne inzwischen seit etwa zweieinhalb Jahren hier. Wenn alle in derselben Stadt leben, macht das vieles einfach deutlich leichter.

Pic-Credits by Max Cramer

Nach der Tour liegt der Fokus dann auf dem nächsten Album?

Genau. Es gibt momentan noch keine bestätigten Festivals für das kommende Jahr. Schreiben und das nächste Album fertigzumachen haben erst einmal oberste Priorität.

Dann müssen wir zum Abschluss natürlich noch die klassische Frage stellen: Jemand kennt Sotiria bisher nicht. Was erwartet ihn musikalisch – und vor allem live?

Es ist irgendwie seltsam, von mir selbst in der dritten Person zu sprechen. (lacht) Ich würde meine Musik als düsteren, romantischen Dark Rock beziehungsweise Gothic Rock beschreiben – obwohl ich gar nicht weiß, ob sie wirklich so romantisch ist.

Und gerade live finde ich es besonders schön. Deshalb kann ich eigentlich nur sagen: Kommt zu den Konzerten! Gerade kleinere Künstler brauchen die Unterstützung der Leute. Man sollte nicht immer darauf warten, dass man einen Künstler irgendwann später einmal sehen kann. Man weiß schließlich nie, ob es dieses „später“ überhaupt geben wird.

Da sprichst Du leider einen Punkt an, den viele Bands, gerade kleinere, momentan durchleiden.

Wir sehen momentan, wie viele Bands in unserer Größenordnung Tourneen absagen müssen, weil es immer schwieriger wird, das alles zu finanzieren. Deshalb wirklich: Leute, unterstützt eure kleineren Bands! Die Branche schafft sich sonst irgendwann selbst ab. Gleichzeitig muss man natürlich auch verstehen, dass eine Clubshow heute kaum noch für 20 Euro Eintritt funktionieren kann. Damit bekommt man die Kosten einfach nicht mehr gedeckt. Ich finde es schon erstaunlich, dass auf der einen Seite Tickets für 300 Euro gekauft werden, während es bei kleineren Bands Diskussionen über deutlich niedrigere Eintrittspreise gibt. Die ganz großen Acts würden wahrscheinlich auch mit einem 100-Euro-Ticket noch sehr viel Geld verdienen. Für kleine Künstler geht es dagegen teilweise darum, ob eine Tour überhaupt stattfinden kann.

Ria, danke für deine Zeit und viel Spaß und vor allem Erfolg auf deiner Tour.

Ich danke Euch und freue mich, Euch auf der Tour zu treffen.

www.sotiria-musik.de

Pat St. James

Front-Cover Pic-Credit by Marcel Brell