Interviews

ANVIL im HARDLINE-Interview: Authentischer Metal statt Kommerz!

Anvil, gegründet Ende der siebziger Jahre in Toronto/Kanada, gilt als Vorreiter des Speed Metals und als Vorbild diverser Metal-Gruppen rund um den Globus. Leider blieb Steve „Lips“ Kudlow und Robb Reiner (Drums) der wirkliche kommerzielle Durchbruch immer ein wenig verwehrt, nichtsdestotrotz ist das Trio seit Jahren absoluter Kult und gerngesehener Act bei diversen Festivals. Aber die Fans pilgern nicht nur zu den Festival-Gigs der Band, Anvil waren unter anderem Anfang Dezember auf ihrer ausgedehnten Europa-Tournee im fast ausverkauften Logo in Hamburg zu Gast. Das Konzert war grandios, es gab 100 Minuten tolle Songs, die Band strotzte vor Spielfreude und begeisterte das Publikum. Wir vom Hardline-Magazin hatten bereits im Mai ein Interview mit Steve „Lips“ Kudlow (Sänger/Gitarrist/Mastermind) von Anvil zur Veröffentlichung von „Impact Is Imminent“ führen können. Kurz vor dem Gig konnten wir dann Lips ein weiteres Mal (dieses Mal im Tourbus) u.a. zum Verlauf der Tournee befragen….

Anvil 2022

Hardline: Hallo Lips, danke, dass du dir ein weiteres Mal für unsere Hardline-Leser Zeit genommen hast! Du siehst blendend aus, wie läuft die Tournee bisher?

Lips: Hallo Jörg, dank, dass ihr euch Zeit für uns nehmt. Die Tour lief insbesondere im Vereinigten Königreich sehr gut, aber auch in Deutschland sind wir sehr zufrieden.

Hardline: Wie kommt das neue Material von „Impact Is Imminent“ bei den Fans an?

Lips: Wir spielen zwei Songs vom neuen Album und eines vom vorherigen Album. Es ist keine gute Idee, zu viel vom neuen Album zu spielen, denn nicht alle Fans kennen das neue Material.

Hardline: Ist es schwer eine Setlist zu kreieren bei so vielen tollen Alben aus eurer langen Karriere?

Lips: Nein, es ist nicht so schwer, denn wir haben einen hohen Prozentsatz an neuen Fans, unsere alten Fans sind in ihren 50ern und haben andere Dinge im Leben zu tun als in Konzerte zu gehen. Gerade durch unseren Film „The Story Of Anvil“ haben wir eine Generation von jungen Fans hinzugewonnen. Wir spielen also die Songs, die wir für richtig halten und die uns Spaß bringen, wir richten uns also nicht strikt nach unserer Diskografie.

aktuelles Album „Impact Is Imminent“ (2022)

Hardline: In eurem Film „The Story Of Anvil“ wurde von Organisationsmängeln bei der damaligen Tournee berichtet, wie ist es aktuell?

Lips: Diese Europa-Tour wurde für Anfang 2020 gebucht und wir haben durch die lange Pause viel Geld verloren. Es sind einige Clubs geschlossen worden, sodass wir dort nicht spielen konnten, wir mussten umdisponieren. Andere Tourdaten sind aber ergänzt worden, wir sind halt Überlebenskünstler. Es ist eine sehr lange Tour, die aber bisher gut organisiert ist. Es war aber zu erkennen, dass insbesondere in den USA viele Menschen durch Arbeitslosigkeit und Inflation kein Geld mehr für Konzertbesuche haben, manche hatten auch Angst sich mit Covid anzustecken. Ich selbst bin zum Glück von Covid während der sechs-monatigen Tour bisher verschont geblieben. 

Hardline: Ich drücke die Daumen, dass dieses so bleibt! Ist es geplant, von dieser Tournee eine Live-CD oder Live-DVD zu veröffentlichen?

Lips: Nein, ich habe kein Interesse an Live-Recordings und Live-Videos, die Fans sollen in unsere Konzerte kommen und sich uns nicht auf ihrer Couch zu Hause ansehen. Ich denke auch nicht, dass die Ticket-Verkaufszahlen dadurch verbessert werden. „Frampton Comes Alive!“ war das einzige Live-Album, das bedeutend gewesen ist und sich Millionen verkauft hat, ansonsten kann ich kein einziges weiteres interessantes Live-Album nennen.

Hardline: Wird es einen zweiten Teil von „The Story Of Anvil“ geben?

Lips: Unsere Dokumentation ist damals in Real-Time gedreht worden, wir hatten kein Drehbuch, es war eine authentische Darstellung unserer damaligen Situation. Als wir unseren Film gedreht hatten, wussten wir nicht, in welche Richtung es gehen sollte. Die meisten Dokus über bekannte Bands sind nicht wirklich spannend, weil man sowieso weiß, wie ihr Aufstieg zum Top-Act verlaufen ist. Es werden zumeist vorgefertigte Klischees präsentiert, die nicht mehr wirklich interessant sind und dabei zumeist auch noch geschönt wurden. Die Wahrheit kommt sehr selten zum Vorschein, denn es ist immer leicht im Nachhinein zu sagen, dass der Aufstieg schwer war, wenn man bereits ein Top-Act ist. Ein zweiter Teil unseres Films ist für uns momentan nicht interessant, der hätte nicht die Wirkung des ersten Teils.

Hardline: Eine Frage zur aktuellen Kombination bei euch, ist das jetzige Line-up euer endgültiges Line-up?

Lips: Wir hatten unsere Schwierigkeiten zu Beginn unserer Karriere gehabt. Robb (Reiner, Drummer – Anm.) und ich spielen seit unserer Jugend zusammen und wir wollten eine Band formieren, die langfristig angelegt ist. Es ging uns dabei aber nicht um das Geld und den großen Ruhm, denn wir wollten unsere Ideale nicht verraten und irgendwann ausbrennen. Wir wollten daher keinen kommerziellen Erfolg haben, beim Metal geht es immer um den Underground. Dave Allison (Ex-Gitarrist) und Ian Dickson (Ex-Bassist) vom ersten Line-up hatten damals andere Motivationen, die wollten die Groupies haben und hatten dabei auch gehofft in tollen Häusern zu leben. Es passte dann irgendwann nicht mehr, aber wir stehen immer noch in gutem Kontakt. Mit dem jetzigen Line-up bin ich jedenfalls sehr zufrieden. Wir machen weiter, uns geht es um die Musik und Authentizität. 

Hardline: Ich habe gelesen, dass du 1982 das Angebot hattest bei Motörhead einzusteigen? Hast du bereut, es nicht gemacht zu haben?

Lips: Nein, das habe ich nie bereut, meine Band war und ist Anvil. Ich hätte es gemacht, wenn ich nicht bei Anvil gewesen wäre. Lemmy hätte sich wohl auch nicht vorstellen können, als Bassist bei Anvil einzusteigen. Ich bin aber ein Bandleader und hätte das nicht aufgegeben, damit mir jemand anderes Vorschriften macht, wie ich Gitarre zu spielen habe. Lemmy und ich waren uns zwar sympathisch und hatten auch einige Gemeinsamkeiten, aber zwei Leader passen nicht in eine Band. Motörhead wären auch nicht die Band geworden, die sie letztlich wurden und das Gleiche gilt auch für Anvil.

Hardline: Habt ihr schon ein neues Album in der groben Planung?

 Lips: Wir haben nach der Fertigstellung von „Impact Is Imminent“ sogar Material für ein weiteres Album komponieren können, es fehlen nur noch die Lyrics, wir werden das Album vermutlich im August 2023 wieder in Deutschland aufnehmen.

MMG = MIt Metallischen Grüßen (oder so …), Jörg & Lips

Hardline: Lips, vielen Dank für das nette Interview! Keep on rocking!

Text: Jörg Reiche

Foto-Credit: AFM Records und Jörg Reiche